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Wenn Trennung tödlich endet

Campus Gosen-Neu Zittau

KI-generierte Illustration

Der Tod einer 18-jährigen Schülerin und eines 30-jährigen Erziehers auf dem Campus einer Privatschule in Gosen-Neu Zittau wirft Fragen auf, die weit über den Tatort hinausreichen.

Gosen-Neu Zittau liegt südöstlich von Berlin im Landkreis Oder-Spree, in einer wald- und seenreichen Gegend. Die Docemus Privatschule beschreibt sich selbst als „Schule mitten im Grünen“. Auf dem Gelände stehen moderne Schulgebäude, Sportflächen und ein Schulwaldhof. 

Am Donnerstag, dem 27. August 2026, dem vierten Schultag nach den Sommerferien, wurde dieser Campus zum Schauplatz einer Tragödie. Am frühen Nachmittag wurden hier vor den Augen zahlreicher Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern zwei Menschen getötet: eine 18-jährige Schülerin und ein 30-jähriger Erzieher. Kurz nach der Tat wurde ein 19-Jähriger festgenommen.

Die Schülerin war seine ehemalige Freundin. Die Tat stand offenbar mit der Trennung in Zusammenhang. Der 19-Jährige soll mehrfach auf die junge Frau eingestochen haben. Als der 30-jährige Erzieher eingriff und versuchte, ihr zu helfen, wurde auch er niedergestochen und getötet.

Der 19-Jährige sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen hat er sich bislang nicht geäußert.

Leben wir in einer Welt, in der wir fürchten müssen, getötet zu werden, wenn wir mit unserem Freund Schluss machen? Haben Männer nicht gelernt, mit Ablehnung umzugehen? Haben sie nicht gelernt, dass das Leben weitergeht, auch nach einer verlorenen Liebe?

Was sich über Tötungen durch Partner oder Ex-Partner sagen lässt: Sie geschehen meist nicht aus dem Nichts. In ihren Vorgeschichten finden sich immer wieder ähnliche Muster. Eine amerikanische Studie schaute sich die Fälle von 220 Frauen an, die von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden waren. Besonders häufig gab es vorher Tötungsdrohungen. Auch eine Trennung oder der Versuch, die Beziehung zu beenden, spielte eine große Rolle. Besonders gefährlich wurde es, wenn ein Partner stark kontrollierend war und die Trennung als Verlust dieser Kontrolle erlebte.

Das heißt nicht, dass sich ein Mord vorhersagen lässt. Viele dieser Warnzeichen gibt es auch in Beziehungen, die nie tödlich enden. Trotzdem tauchen sie vor solchen Taten so oft auf, dass Fachleute sie bei der Einschätzung eines möglichen Risikos berücksichtigen.

Im Fall von Gosen-Neu Zittau waren beide sehr jung: die Getötete 18, der Beschuldigte 19. Und aus dem Umfeld der Schule gibt es Hinweise darauf, dass er schon vor der Tat davon gesprochen haben soll, seine Ex-Freundin zu töten.

Damit kommt noch etwas ins Spiel, das bei sehr jungen Menschen eine besondere Rolle spielen könnte: Öffentlichkeit.

Eine Trennung findet heute nicht unbedingt nur zwischen zwei Menschen statt. Beziehungen, Kränkungen, Eifersucht und Wut hinterlassen digitale Spuren. In Messenger-Gruppen, auf Social-Media-Plattformen, in Suchverläufen und Chats können Gedanken ausgesprochen werden, die früher vielleicht nur im Zimmer eines Jugendlichen geblieben wären.

Und vielleicht verändert schon dieses Aussprechen etwas. Ein Gedanke, der nur gedacht wird, kann vergehen, sich abschwächen, verworfen werden. Was aber geschieht, wenn er vor anderen ausgesprochen, geteilt oder sogar angekündigt wurde? Entsteht daraus eine Art Selbstbindung? Wird aus einer Gewaltfantasie, die öffentlich geworden ist, leichter ein Plan, weil nun andere wissen, was man gesagt hat?

Gleichzeitig kann auch die Trennung selbst öffentlich werden.

„Hast du schon gehört? Sie hat ihn verlassen.“

Was früher vielleicht zwischen zwei Menschen, einigen Freunden und Familienmitgliedern blieb, kann heute innerhalb kürzester Zeit durch Klassenchats und Freundesgruppen wandern. Andere kommentieren, schlagen sich auf eine Seite, machen sich lustig, suchen nach Schuldigen. Aus einer persönlichen Zurückweisung kann so auch eine öffentliche Niederlage werden.

Das bedeutet nicht, dass öffentliche Beschämung aus einem gekränkten jungen Mann einen Täter macht. Aber zu Wut, Eifersucht und dem Verlust einer Beziehung kann etwas hinzukommen, das gerade für Jugendliche und Heranwachsende schwer wiegen kann: das Gefühl, vor den Augen der anderen gedemütigt worden zu sein. Dieselbe Öffentlichkeit, die Kränkung und Scham verstärken kann, macht gleichzeitig etwas sichtbar, was früher vielleicht verborgen geblieben wäre.

Die Forschung kennt dafür den Begriff „Leaking“. Gemeint ist, dass ein späterer Täter vor einer Gewalttat Gedanken, Fantasien, Absichten oder Pläne gegenüber anderen erkennen lässt – durch Äußerungen oder durch sein Verhalten. Daraus lässt sich trotzdem keine einfache Vorhersage ableiten. Ein einzelnes Warnzeichen sagt wenig. Entscheidend kann sein, ob mehrere zusammenkommen und sich die Situation zuspitzt.

Bleibt die Frage, ob die digitale Öffentlichkeit selbst etwas verändert hat. Wenn Trennungen heute vor einem größeren Publikum stattfinden, wenn Kränkungen geteilt, kommentiert und weitergetragen werden und wenn Drohungen nicht mehr nur gedacht, sondern ausgesprochen und verbreitet werden: Kommt es dann auch häufiger zu tödlicher Gewalt unter sehr jungen Menschen? Für Deutschland lässt sich das bislang nicht beantworten. Eine eigene Langzeitstatistik dazu, wie viele Mädchen und junge Frauen unter 20 von Partnern oder Ex-Partnern getötet werden, gibt es nicht. Ebenso wenig lässt sich daraus ablesen, ob Mädchen und junge Frauen unter 20 heute häufiger Opfer solcher Tötungen werden.

Vielleicht ist also die falsche Frage, ob junge Männer heute gefährlicher sind als früher. Vielleicht ist die interessantere Frage: Sehen heute mehr Menschen die Kränkung – und sehen zugleich mehr Menschen die Zeichen einer möglichen Eskalation? Und wenn wir sie sehen: Erkennen wir sie auch?

Genau diese Frage führt zurück nach Gosen-Neu Zittau. Öffentlich bekannt ist bislang wenig darüber, was der Tat vorausging, wie die Beziehung zwischen dem 19-Jährigen und der getöteten Schülerin verlief und wie er auf die Trennung reagierte. Wer wusste davon? Was wurde als wütende Rede eines gekränkten Jugendlichen abgetan? Wann wird aus „Der redet halt so“ eine Drohung, die ernst genommen werden muss?

Diese Fragen sind bislang offen. Aber möglicherweise entscheiden ihre Antworten darüber, ob die Geschichte, die am frühen Nachmittag des 27. August tödlich endete, nicht schon viel früher begonnen hatte.

Für viele Menschen hat sie Folgen, die weit über diesen Tag hinausreichen: für die Familien der Getöteten, die Angehörigen des Beschuldigten, Freunde, Mitschüler, Lehrkräfte und alle, die die Tat miterlebt haben. Am Eingang des Campus liegen unzählige Blumensträuße und brennen Kerzen für die beiden Getöteten. Sie erinnern an das, was hier geschehen ist – und an eine Erschütterung, die diese Schule und die Menschen in ihr noch lange begleiten wird.

Ich werde diesen Fall weiter begleiten und berichten, sobald neue Erkenntnisse vorliegen.