Etwas Beängstigendes lag in der Luft

Wie ein einziger Nachmittag eine Familie und eine ganze Schulgemeinschaft erschütterte.
Am frühen Nachmittag des 27. August 2026 fuhr Frau Sommer (alle Namen geändert) zur Docemus-Schule in Gosen-Neu Zittau, um ihre beiden Teenager-Töchter Mary und Emma abzuholen. Während der Fahrt klingelte immer wieder das Telefon, mit dem üblichen: „Wo bist du?“ Sie vertröstete die beiden. „Ich bin doch gleich da, ich war nur noch um die Ecke.“
Sie fuhr auf den verabredeten Parkplatz und stieg aus, als erneut das Telefon klingelte. Ihre jüngere Tochter Emma war dran.
„Mutti, Mutti, fahr schnell von diesem Parkplatz weg! Hier ist ein Amoklauf!“
Frau Sommer verstand erst nicht, war verwirrt und sah sich um. Hinter ihr rannte eine große Menge Menschen vom Schulhof auf die Straße. Auch auf dem Parkplatz waren Menschen, die hektisch gestikulierten. In der Ferne nahm Frau Sommer ein kurzes Gerangel wahr, konnte aber nicht erkennen, was dort geschah. Etwas Beängstigendes lag in der Luft. Gleichzeitig wirkte alles unwirklich wie in einem Film. Panik stieg in ihr auf, sie begann zu zittern.
Sie stieg wieder ins Auto und fuhr zu ihren Kindern, die in einer Seitenstraße auf sie warteten. Wieder kamen ihr viele Menschen entgegen. Einige Mädchen weinten. Dann sah sie ihre ältere Tochter Mary unter ihnen. Mary weinte nicht. Ihre Mutter fragte, was denn los sei.
„Es gab einen Messerstecher. Ich hab die Polizei gerufen.“
„Du hast die Polizei gerufen?“
„Ja natürlich. Da sticht jemand mit dem Messer. Also hab ich die Polizei gerufen.“
Sie fuhren nach Hause, ohne genau zu wissen, was passiert war. Ihnen kamen viele Polizeiautos entgegen. Und Rettungswagen. Die Schulchats auf den Handys der Töchter liefen auf Hochtouren. Dann rief ein Klassenkamerad von Mary an. Noch während der Fahrt erfuhren sie, wer niedergestochen worden war: ein Mädchen aus Marys Klasse. Die eben noch so beherzte Mary brach auf dem Rücksitz zusammen.
Mary hatte in dem Gemenge auf dem Schulhof den Täter gesehen, aber nicht erkannt, wer sein Opfer war. Viele andere Schülerinnen und Schüler hatten die Tat mit eigenen Augen gesehen, ebenso Lehrkräfte. Sie standen wie gelähmt da, unfähig einzugreifen – bis auf den Erzieher, der ihr zu Hilfe kam. Der Junge, der später die Tat beging, stand eine ganze Weile auf dem Schulhof, nahe am Eingang. Alle gingen an ihm vorbei, auch ihre Mädchen, berichtet Frau Sommer.
Was genau auf dem Schulhof geschah, erfuhr Frau Sommer erst später von Schülerinnen und Schülern, die die Tat beobachtet hatten. Demnach stach der Junge dem Mädchen zunächst in den Rücken. Als der Erzieher ihr zu Hilfe kam, kam es zu einem kurzen Kampf. Jetzt wusste Frau Sommer auch, was das Gerangel gewesen war, das sie aus der Ferne wahrgenommen hatte: der Kampf zwischen dem Erzieher und dem Täter. Der Erzieher wurde dabei mit einem Stich getötet. Danach soll sich der Junge auf das Mädchen gesetzt und noch mehrfach auf sie eingestochen haben. Anschließend sei er aufgestanden, habe die Hände erhoben und sich sofort ergeben.
Frau Sommer kannte das getötete Mädchen. Einmal hatte sie es im Auto mitgenommen. Mary und sie waren gute Klassenkameradinnen, auch wenn sie keine engen Freundinnen waren.
Zu Hause kamen die ersten Anrufe von Verwandten und Bekannten. Sie wollten wissen, ob bei ihnen alles in Ordnung war. In den Nachrichten war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu erfahren, und die Familie klammerte sich an die Hoffnung, dass das Mädchen vielleicht überlebt hatte.
Aus dem Klassenchat erfuhr Emma, dass die Kinder, die nicht abgeholt worden waren, in der Turnhalle versammelt wurden. Dann kam die Nachricht: „Ja, und das Mädchen ist tot.“
Am Abend saß die Familie Sommer zusammen und versuchte, die Ereignisse zu begreifen. Den Schrecken irgendwie zu verarbeiten. Von den Töchtern kamen erste Andeutungen. Das Mädchen habe über ihren Exfreund erzählt, er sei ein „Psycho“ und sie habe Angst vor ihm.
„Heute in der Hofpause hat sie das noch erzählt!“
Mary hat den ersten Schock erstaunlich gut verarbeitet. Schon am nächsten Tag tröstete sie andere aus ihrer Klasse. Sie gehörte zu denen, die am Tatort die Polizei gerufen hatten. Auch bei der Trauerfeier übernahm sie gemeinsam mit anderen Mitschülerinnen eine kleine Aufgabe.
Frau Sommer staunt immer wieder über ihre Tochter. Sie selbst, sagt sie, wäre in einer solchen Situation niemals so gefasst. Mary dagegen kann das. Sie ist für andere da, setzt sich für sie ein. Später möchte sie Sozialarbeiterin werden.
Emma dagegen ist sehr wütend. Auf den Täter. Sie war gerade erst auf diese Schule gewechselt, es war ihr zweiter Schultag. An diesem Morgen war sie überhaupt nur hingegangen, weil ihre Mutter darauf bestanden hatte. Emma hatte Schulangst entwickelt und wollte zu Hause bleiben. Frau Sommer sagte ihr, sie müsse nur diesen einen Tag überstehen, und versprach, sie nach der Schule abzuholen. Mary zog ihre Schwester schließlich förmlich mit sich. Die Angst hat sich seitdem nicht verstärkt. Sie hat sich in Wut verwandelt.
Trotz ihrer Gefasstheit trägt auch Mary Wut in sich. Vor allem auf die Journalisten.
Sie hatte gesehen, wie auf dem Schulhof Kinder angesprochen wurden. Ein weinendes Mädchen wurde fotografiert. Mary ging auf den Journalisten zu.
„Haben Sie gar keinen Respekt?“
Sie forderte die Polizei auf, dafür zu sorgen, dass die Aufnahmen gelöscht werden.
Fast zwei Wochen später ist Frau Sommer noch immer sprachlos. Sie grübelt permanent darüber nach, warum jemand so etwas tut und was in ihm vorgeht. Wut auf den Jungen, der das Mädchen und den Erzieher getötet hat, empfindet sie nicht. Sie fragt sich eher, was mit ihm passiert ist, und hat großes Mitleid mit seinen Eltern.
„Er kommt doch aus einer ganz normalen Familie. Für die Eltern ist das Leben jetzt auch vorbei.“
Sie erinnert sich an das Mädchen, das sie nur einmal flüchtig gesehen hatte, und versucht, sich diese Begegnung wieder ins Gedächtnis zu rufen.
Es war kurz vor den Sommerferien. Das Mädchen saß bei ihr im Auto, still, sagte kaum ein Wort. Doch als sie ausstieg, erzählte sie plötzlich ganz euphorisch, dass sie nun auch bald ihren Führerschein machen würde. Schließlich werde sie demnächst 18. Dann könne sie künftig ihre Freundinnen mitnehmen.
Ihren 18. Geburtstag hatte sie noch erlebt. Für den Führerschein blieb ihr wahrscheinlich keine Zeit mehr.
Frau Sommer war sehr beeindruckt davon, wie die Schule mit dem Geschehen umging. Noch am selben Abend gab es eine kleine Trauerfeier. Am nächsten Tag ging der Direktor in die Klassen und sagte sinngemäß: Es sei schlimm, was passiert sei, aber irgendwie müssten nun alle weitermachen. Dann begann die eigentliche Begleitung. Ein großes Team von Psychologen war da. Die Schülerinnen und Schüler konnten zu ihnen gehen, wenn sie Hilfe brauchten, und die Psychologen kamen auch in die Klassen. In den Tagen danach folgten immer wieder Momente des gemeinsamen Trauerns. Am Montag gab es eine Schweigeminute. Am Donnerstag fand die große Trauerveranstaltung statt. Die Medien blieben draußen, die Straße wurde abgesperrt, damit die Feier ungestört stattfinden konnte. Am Freitag verabschiedete sich die Schulgemeinschaft noch einmal von dem getöteten Erzieher.
Gestern kam die Mutter des getöteten Mädchens in die Klasse. Gemeinsam erinnerten sie sich an sie und tauschten schöne Erlebnisse aus. Die Schülerinnen und Schüler wurden zur Beerdigung eingeladen und auch in das Haus des Mädchens. Mary empfand das als sehr wohltuend und schön.
Vielleicht beeindruckt Frau Sommer der Umgang der Schule auch deshalb so sehr, weil sie selbst als 17-Jährige etwas ganz anderes erlebt hatte.
Damals starb ihre beste Freundin bei einem Unfall. Frau Sommer fühlte sich daran schuldig und trug dieses Erlebnis über viele Jahre mit sich herum. Niemand fragte, wie sie damit zurechtkam oder ob sie Hilfe brauchte. Und sie selbst wusste nicht, wie sie das Geschehene verarbeiten sollte.
So viele Menschen sind jetzt traumatisiert. Die beste Freundin des getöteten Mädchens war neben ihr, als sie getötet wurde. Frau Sommer fragt sich: Wie soll sie damit weiterleben?
Sie selbst hatte ihr eigenes Trauma damals weggesteckt, verdrängt. In den folgenden Jahren litt sie unter Panikattacken. Erst viel später machte sie eine Traumatherapie. Seitdem geht es ihr besser.
Vielleicht ist es genau das, was Frau Sommer heute so beschäftigt: Ein Trauma endet nicht mit dem Tag, an dem etwas passiert. Es kann sich fortsetzen, manchmal über Jahre.
Auch dieser 27. August wird bleiben. In den Erinnerungen der Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte, der Eltern und Freunde. Erschüttert wurde eine ganze Gemeinschaft.