Der gefährliche Schlaf

Frank S. muss sich vor dem Landgericht Berlin wegen schwerer Straftaten gegen mehrere Frauen verantworten.
Am zweiten Verhandlungstag wurde im Fall Frank S. sichtbar, wie systematisch die digitalen Archive des Angeklagten aufgebaut waren.
Frank S. ist ein kleiner, schlanker Mann mit vollem Haar und Brille. Er kommt aus Berlin-Lichtenberg und ist 68 Jahre alt, sieht aber jünger aus. Er sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl und starrt vor sich hin. Die Hände hält er fest ineinandergelegt, so als müssten sie den ganzen Mann zusammenhalten.
Ihm werden derzeit 22 Taten zum Nachteil von 14 Frauen vorgeworfen, mutmaßlich begangen zwischen 2016 und 2022. Die Tatvorwürfe umfassen Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.
Die Frauen kamen aus Berlin, waren meist zwischen 50 und 60 Jahre alt und hatten Frank S. über Datingplattformen kennengelernt. Zu den Treffen kamen sie in seine Wohnung.
Die Verzeichnisse auf seinen Smartphones, seinem Laptop und den Festplatten sind gut strukturiert, sehr übersichtlich gestaltet. Auf einer der Festplatten befinden sich 126 Ordner mit Namen wie AndreaSPDAU oder AnjaKRB. In den Ordnern befinden sich unter anderem Video- und Bilddateien. In den Videos liegen nackte schlafende Frauen auf einem Bett oder Sofa, im Kriminalsprech: reglose Personen. Der IT-Forensiker geht von 59 Frauen aus, die Frank S. betäubt haben soll.
Frank S. hat am ersten Verhandlungstag die Vergewaltigungen gestanden. Zur heimlichen Verabreichung der sedierenden Medikamente wollte er sich zunächst noch nicht äußern.
Unter dem Namen Sepp oder Z70 tauschte sich Frank S. mit männlichen Usern, die sich ebenfalls für das Betäuben und den sexuellen Missbrauch von Frauen interessierten, auf einschlägigen Pornoseiten wie etwa „Motherless“ aus. Der Sachverständige zählte die Suchbegriffe von Frank S. auf: Drunk, Besoffen, Fuck Fat 18, Fuck Drunk 18, Fuck Drunk Russian Girl, Drug Sexy Girl Fucked. Auf seiner Suche landete er schließlich in Foren, die sich „Sleep-Fetisch“ oder „Sleep/Abuse“ nannten. Er lud seine Videos hoch und fand Anklang.
Im Gerichtssaal wurden die Chats mit anderen Usern vorgelesen.
Sinngemäß notierter Chatverlauf mit Duke78:
Hello Bro, nice video! Womit hast du sie betäubt?
Mit Benzos.
Nice drug wife. How long have she been sleeping?
About 4 hours.
Pics?
Later.
I can’t wait.
Sinngemäß notierter Chatverlauf mit Wolfgang aus Paderborn:
Ich will meine Frau betäuben. Sie soll ein bis zwei Stunden schlafen.
Wie groß, wie schwer ist sie? Trinkt sie, raucht sie?
55, 160 groß.
Darf sie es wissen?
Nein! Heimlich.
Nimm K.O.-Tropfen oder Etizolam. Das hält drei bis sechs Stunden.
Wie tief schläft sie? Sie soll nicht merken, dass sie befummelt wird.
Ich schick dir was.
Später wurde in diesem Chat das Foto einer offenbar betäubten Frau verschickt. Ein anderer Chat deutete darauf hin, dass er Material gegen Kryptowährung anbot.
Wie kam das alles ans Licht? Der Hinweis kam von der Polizei in Verden (Aller). Dort wurde gegen einen anderen Mann ermittelt, der seine Ehefrau betäubt und vergewaltigt haben soll; über dessen Chats stieß die Berliner Polizei auf Frank S..
Offensichtlich erfuhren viele der Frauen erst durch die Ermittlungen, was ihnen angetan worden sein soll. Die Polizei identifizierte die Frauen, indem sie die Datumsangaben der Bilddateien mit den Verabredungen des Angeklagten in WhatsApp-Chats abglich. Auf diese Weise konnten 42 Frauen zugeordnet werden.
Vor mir sitzt eine der Betroffenen, eine ältere Frau mit langen Haaren, die sie am Hinterkopf mit einer Spange zusammenhält. Sie gehört zu jener Altersgruppe, um die es in diesem Prozess immer wieder geht: Frauen um die fünfzig und sechzig, die Frank S. über Datingplattformen kennenlernte. Während der Verhandlung hört sie aufmerksam zu, nickt immer wieder bestätigend bei den Ausführungen des Sachverständigen. Zum Beispiel, als er erzählt, dass eine der Kameras auf das Sofa gerichtet war. Als über die Beschaffung der Betäubungsmittel gesprochen wird und die Aktivitäten dazu im Internet aufgezählt werden - z.B. „Making Chloroform-Tutorial“ oder „California Pet Pharmacy“, schüttelt sie fassungslos den Kopf. Ihre Begleiterin sitzt neben mir und erzählt mir, dass sie die einzige Betroffene ist, die sich die Verhandlungen „reinziehen“ will. Die Begleiterin glaubt allerdings, dass die Betroffene gar nicht ermessen kann, auf was sie sich da einlässt.
Nach der Pause stehe ich mit den anderen Besucherinnen vor der noch verschlossenen Saaltür. Es sind nur Frauen. Wir reden über unser Entsetzen. Die Begleiterin fragt sich, „ob man das nicht bemerkt, dass irgendetwas faul ist, wenn man so einem Täter ins Netz geht.“ Eine andere antwortet: „Wahrscheinlich gibt es durchaus Warnsysteme, die werden nur oft übergangen.“ Eine jüngere Frau entgegnet: „Man kann doch nicht immer mit einem Warnsystem ins Dating gehen.“ Eine andere: „Wahrscheinlich aber doch.“
Ich werde den weiteren Verlauf des Verfahrens begleiten und darüber berichten.